Liebe Freunde,
es sind nun genau zwei Wochen vergangen seit dem Abschlußkonzert in München - Zeit genug, ein Fazit zu ziehen. Zunächst einmal fühle ich mich sehr gut damit, daß ich es überhaupt getan habe. So oft träumt man diese Dinge nur vor sich hin und findet nicht die den Punkt, den Traum auch in eine Tat umzusetzen. Ich habe mir selbst damit Mut gemacht, mich auch künftig verstärkt einzumischen, wenn ich etwas nicht gut und nicht richtig finde - und ich habe von Seiten anderer Künstler eine tolle Solidarität erfahren.
Da die Erlebnisse des Laufes so vielschichtig waren, werde ich das übrige Fazit in vier Punkte aufteilen:
1) Was konnten wir konkret bewirken?
Ich sehe das so: wir konnten im Grunde in jeder durchlaufenen Stadt nur das Angebot machen: wir sind da! Kommt aufs Konzert! Unterstützt uns! Lauft mit! Gebt etwas ab für die, die nichts haben!
Wir waren von Anfang an auf Hilfe angewiesen. Ich bin ja nun alles andere als ein berühmter Künstler, bei dem sofort die Medien Schlange stehen - also brauchten wir, sollte der Abend klappen, das Engagement der Clubs und Einrichtungen, die Unterstützung der Städte (um zumindest die Unkosten zu tragen), die Aufmerksamkeit der lokalen und überragionalen Zeitungen, Radio- und TV Redaktionen. In den Städten, wo das alles gut zusammenwirkte, war der Lauf ein voller Erfolg, wo das nicht der Fall war, konnten wir leider nur wenig ausrichten - denn wenn die Zeitungen nichts schrieben, die Clubs keine Werbung machten und die Bürgermeister gar nicht oder ablehnend auf das Projekt reagierten - wie sollte da jemand erfahren, daß wir da waren?
Auf unserer homepage ist unter der Rubrik “Tagebuch” jeder Abend aufgelistet. Leider weniger erfolgreich in Hamburg, Essen, Mülheim, Düsseldorf und Worms. Letztendlich kann man sagen, daß der Lauf erfolgreich war in Bochum, Wuppertal, Köln, Bonn, Koblenz, Ingelheim, Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Lorsch, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Tübingen, Reutlingen und München. Und in den anderen Städten wurden Spendenergebnisse von 200-600 Euro erzielt.
Eine genaue Kosten & Spendenauflistung findet ihr als letzten Punkt meines Fazits.
Ziel war ja, die gesammelten Abendeinnahmen ohne Abzug 1:1 weitergeben zu können, da aber nur 5 der angeschriebenen 29 Städte bereit waren, unsere Unkosten zu tragen und damit eine komplette Spendenweitergabe zu garantieren, war gleich klar: wir mußten versuchen die Unkosten noch weiter zu senken und überregional übers Spendenkonto genug zu erhalten, um die regionalen Spenden abzusichern. Wir taten unser Möglichstes und sparten nicht selten 350 € von den ursprünglich kalkulierten 850.- Euro pro Konzert ein. Vom “überregionalen” Spendenkonto konnten davon meistensteils 200 bis 300 Euro gedeckt werden, so daß unterm Strich von den 20.366,73 € Abendeinnahmen insgesamt 18.116,22 € übrig bleiben. Der Durchschnitt liegt also 80,38 € pro Konzert unter dem selbstgesteckten Ziel - wir schafften es nicht ganz. Aber immerhin. Fast geschafft.
2) Was haben wir ideell bewirkt?
Das ist für mich der wichtigste Punkt. Das reine Geldsammeln für wohnungslose Menschen vor Ort war die eine Ausrichtung - entscheidender noch fand ich das allgemeine Stillschweigen über so ein unpopuläres Thema zu durchbrechen, einen deutlich spürbaren Protest gegen die soziale Verhärtung zu schaffen, und, soweit es in meinen Kräften steht, das Bewußtsein der Öffentlichkeit auf den allmählichen Abbau des sozialen Netzes zu richten. Das ist mir meines Erachtens ganz gut gelückt. Mir ist schon klar, daß die 18.000.- Euro, die wir gesammelt haben, zwar ganz ordentlich sind, aber doch von jedem Unternehmen leicht in den Schatten gestellt werden können, daß ein lächelnder Günther jauch bei RTL das Hundertfache in einer halben Stunde sammeln könnte - aber hier hat doch eine Gruppe von engagierten Menschen trotz ungewisser Erfolgsaussichten, trotz körperlicher und organisatorischer Strapazen und trotz einer denkbar schlechten Ausgangsposition ein deutliches Zeichen gesetzt und gezeigt, daß man Politik nicht nur passiv über sich ergehen lassen muß, sondern sich durchaus auch selbst einmischen kann. Rund zwei Millionen Zuschauer haben über die Medien von dem Lauf erfahren und konnten nachdenken über meine Beweggründe und Absichten.
Zum anderen war es ja der Versuch, Obdachlosigkeit nicht nur als statistisches oder gesellschaftspolitisches Problem zu betrachten, sondern den Menschen im Menschen zu sehen - und klar zu machen, wie schnell wir uns selbst (oder Freunde von uns, unsere Eltern oder Kinder) in einer solchen Situation befinden können, wie überhaupt das ganze Leben unsicher und gefährdet ist und wie ungerechtfertigt daher jede moralische Selbstüberhebung gegenüber Menschen, die größere Not leiden als wir.
Ich glaube, das ist ein Punkt, den wir in der schönen Athmosphäre der Konzerte, sehr gut ansprechen konnten. Wir hatten ja ein sehr aufgeschlossenes, tolles Publikum überall.
3) Was geschieht mit den Spenden?
Es gab großartige Ausnahmen, aber insgesamt waren wir doch etwas enttäuscht, daß die Einrichtungen so selten da waren und auch so wenige Betroffene über davon erfuhren. Ich habe daher beschlossen, das Geld in den betreffenden Städten nicht einfach den Einrichtungen zu geben, sondern die ganze Tour nocheinmal abzufahren und dann GEMEINSAM mit den Wohnungslosen und den Einrichtungen zu entscheiden, was mit dem Geld geschehen soll. Termin dafür ist der 28.04 für Ruhrgebiet/Rheinland, 29.04 für Rheinland/Pfalz, 30.04 für Baden/Schwaben, der 02.05 für München.
4) Danksagung
Ich möchte an dieser Stelle vorallem denjenigen danken, ohne die dieses ganze Projekt nicht möglich gewesen wäre: das sind in erster Linie Conny & Sascha vom Orgateam (Atelier mobil) aus Koblenz. Dann Enno und Dominik (Hamburg), die mich am Klavier begleiteten; Ali, unserem Allrounder & Tontechniker (Jena), Torsten und Rainer, die fast die komplette Strecke mitliefen (Hamburg / Wuppertal), überhaupt allen, die mitgelaufen sind. Ich danke auch Anja aus Berlin für die vielen Infos, Dr. Gerhart Trabert und Frau Bill von Armut & Gesundheit, auch unseren “Schlafplätzen” einen großen Dank. Dank auch an alle, die Plakate aufhingen und Flyer verteilten. Außerdem allen Clubs, die mir das Vertrauen entgegenbrachten und sich teilweise unglaublich in die Sache reingekniet haben. Jedem, der kam, möchte ich danken, und jedem, der die Stiefel gefüllt hat. Aber auch überregional: Danke für die Spenden, vorallem an die Rosa-Luxemburg-Stiftung, an Armut & Gesundheit e.V. (auch fürs “Tourauto”) und an e.m.-works für die “großen” Spenden! Und ich danke allen Künstlern, die uns unterstützten: Der Fall Böse (Hamburg), Götz Widmann (Bochum, Mülheim, Leverkusen, Köln, Bonn, München), Hans Eckardt Wenzel (Essen), Bernd Gieseking & Stefan Reusch (Mülheim), Gerburg Jahnke & Arnulf Rating (Oberhausen), Anne Haigis & Jochen Malmsheimer (Wuppertal), Julia Zanke & Talip Elmasulu & Frank Baier (Düsseldorf), Anka Zink (Koblenz), Kenny Legendre (Bingen & Worms), Stark-Holland & Lange (Ingelheim), Bodo Wartke (Wiesbaden), Luca & Meike Köster & K.W. Timm (Mainz), Luca & K.W. Timm & Sven Panne (Frankfurt), Martin Sommer & Luise Enzian (Darmstadt), Jess Jochimsen (Heidelberg), Christina Lux & Tina Häussermann (Karlsruhe), Die Improkokken (Pforzheim), Roland Baisch & Freunde (Stuttgart), Wortfront & Bernd Chudalla (Tübingen), Thomas Fender & Barbara Thalheim & Jean Pacalet ( Reutlingen), Stoppok & Götz Widmann & Bernd Chudalla (München).
5) Die allerschönsten Erlebnisse
Es gab so viele wunderbare Erlebnisse und so manches, was einen auch sehr nachdenklich stimmte. Ich werde aber öfters nach den drei schönsten Momenten der Tour gefragt und konnte diese Frage immer recht schnell beantworten. Als ich in Wiesbaden mit den Stiefeln herumging, fragte ich auch eine Dame, die bei der dortigen Obdachlosenhilfe beschäftigt ist und wurde empört zurechtgewiesen: sie arbeite ja schon jeden Tag für diese Menschen, - ein paar Sekunden später kam ein Obdachloser und schüttete sein letztes Geld in die Stiefel, für die “Kollegen, die es dringender brauchen, als ich…” - Außerdem hat es mich tief bewegt, als mein Sohn extra aus Kiel kam, um mich auf der Bühne zu unterstützen. Und ein ganz romantisches Erlebnis hatte ich beim Pinkeln im Morgengrauen zwischen Wuppertal und Düsseldorf - so erschöpft, daß ich beim Gehen immer wieder in Sekundenschlaf fiel und schon vom Fieber einer beginnenden Bronchitis geschüttelt, bemerkte ich plötzlich, wie einen knappen Meter über mir eine Amsel so wunderschön sang, ganz einsam, als singe sie für mich. Und so habe auch ich mein kleines, heimliches Konzert bekommen.
Es grüßt euch herzlich,
euer Heinz
6) Spendentabelle
| Station |
Spende |
| Kiel |
315,03 € |
| Hamburg |
99,76 € |
| Dortmund |
276,88 € |
| Bochum |
901,01 € |
| Essen |
0,00 € |
| Mülheim |
0,00 € |
| Oberhausen |
380,46 € |
| Wuppertal |
868,81 € |
| Düsseldorf |
0,00 € |
| Leverkusen |
413,68 € |
| Köln |
692,68 € |
| Bonn |
875,51 € |
| Koblenz |
709,68 € |
| Bingen |
250,00 € |
| Ingelheim |
741,95 € |
| Wiesbaden |
446,40 € |
| Mainz |
646,68 € |
| Frankfurt |
1.042,49 € |
| Darmstadt |
298,33 € |
| Worms |
0,00 € |
| Lorsch |
1.047,06 € |
| Heidelberg |
920,10 € |
| Karlsruhe |
1.821,81 € |
| Pforzheim |
389,90 € |
| Stuttgart |
643,66 € |
| Tübingen |
1.049,12 € |
| Reutlingen |
1.524,35 € |
| München |
1.760,87 € |
|
| Summe: |
18.116,22 € |
In wenige Städten gab es noch kleine Unklarheiten, ich wollte aber mit dem Fazit nicht mehr warten. Wenn ich mich nicht irgendwo verrechnet habe und keine Rechungen mehr nachkommen, sollten alle Summen stimmen. Die Angaben sind also vorläufig ohne Gewähr. Ein Teil dieser Gelder ist nicht auf Spendenkonto, sondern direkt an verschieden Einrichtung gezahlt worden.
Noch ein Text für all jene, die nicht kamen, weil sie in dem Lauf eine überflüssige Aktion oder eine Spinnerei sahen:
Mit Groß-Gebärde (12./13.01.2008)
Noch läufst Du rum, mein Freund,
mit Groß-Gebärde,
mit schickem Auto – schöner Frau!
Du bist der geilste Typ
auf dieser Erde,
smart, erfolgreich, glatt und schlau!
Doch weißt Du nie, mein Freund,
wanns Leben zuschlägt,
wie tief es trifft und wen und wann,
und ob der Grundbau, der
dein Sein trägt,
nicht einfach so zerfallen kann:
Vielleicht zerfrisst ein Krebs Dir Dein Gesicht.
Und Deine Frau findet bei andern Männern Glück.
Oder Du kannst nicht lieben. Kannst es einfach nicht.
Oder Dein Kind kommt nicht zu Dir zurück.
Noch glaubst Du, Freund,
Du könntest alles tragen –
mit Selbstbewusstsein oder Geldkorsett.
Du stellst Dir nie
die wesentlichen Fragen.
Du legst Dich sorgenlos ins Bett.
Dann aber trifft Dich plötzlich
eine Diagnose.
Oder Dein Bruder schläft mit Deiner Frau.
Ein Überholmanöver geht
prompt in die Hose –
und plötzlich ist Dein Leben grau.
Vielleicht muß man Dir etwas amputieren.
Oder Dein bester Freund treibt Dich in den Ruin.
Dann plötzlich fängst Du Innen an zu frieren
und lernst zu „Existieren“, ohne Sinn.
Das Leben ist nicht sicher, Freund,
und niemand bettelt gerne –
verkneift Dir also Deine Arroganz!
Mal ist die Zeit ein Stein,
mal ist sie voller Sterne,
mal starrer Tod, mal Flammentanz.
Der Penner, der dort säuft,
das könntest Du sein.
Und wenn nicht Du – vielleicht Dein Kind.
Die Tür zum Glück –
sie könnte zu sein.
Das geht mitunter sehr geschwind.
Dann bettelst du. Und feine Leute ziehn vorüber.
So fein und kalt, wie jetzt Dein Lächeln ist.
Und stirbst Du, schreibt kein Mensch darüber,
weil Du nicht Mitglied ihrer Mitte bist.
Noch läufst Du stolz, mein Freund,
mit Groß-Gebärde,
mit schickem Auto, schöner Braut
und glaubst,
die ganze große Erde
sei um Dein kleines Sein gebaut.